12. Juni 2015

Der Konflikt um das Bergbauvorhaben Tía María

Von Gerardo Basurco, Themen Innenpolitik | Politik

Umstrittener geplanter Kupfer-Tagebau in Arequipa

Der Konflikt um das Bergbauvorhaben Tía María

"Tía María" dieser harmlos klingende Name steht für einen geplanten Kupfer-Tagebau, über den in Peru derzeit heftig gestritten wird. Nach Angaben des Bergbauministeriums wurden bereits im Jahre 1994 erste Pläne gefasst, im Distrikt Cocachacra, in der Provinz Islay im Departement Arequipa, das rote Metall zu fördern. Investor ist die Bergbaugesellschaft Southern Peru Copper Corporation (SPCC), die der international tätigen Grupo Mexico gehört.

2009 stellte das Unternehmen eine Umweltverträglichkeitstudie zur Durchführung von Tía María vor. Im Auftrag des Ministeriums evaluierte das Büro der Vereinten Nationen für Projektdienste (Unops) diese Studie und machte 138 Bemerkungen. Die Ergebnisse sickerten an die Öffentlichkeit durch und riefen Proteste der Bevölkerung hervor, die zum Tod von drei Personen und Dutzenden von Verletzten führten. 2011 beschloss die Regierung, das Projekt zu stoppen und veranlasste den Abzug der Maschinen aus dem Projektgebiet.

Merkmale des Konfliktgebiets

Infografíe der Zeitung La República über das ProjektgebietDas Departement Arequipa ist eines der wohlhabendsten Perus. Es hat eine Bevölkerung von ca. 1,3 Millionen, davon gelten 20 Prozent als arm (2009). Das Departement gliedert sich in acht Provinzen, eine davon ist Islay, welche wiederum aus fünf Distrikten besteht: Mollendo, Islay, Cocachacra, Dean Valdivia, Mejía und Punta de Bombón. In einigen ländlichen Distrikten erreicht die Armutsquote Werte von über 40 Prozent (Dean Valdivia und Punta de Bombón) und in Mejía und Mollendo sind es 10 Prozent. Die arbeitsfähige Bevölkerung der Provinz Islay widmet sich hauptsächlich der Agrarwirtschaft (hierzu auch: Die Landwirtschaft - Perus neue Wachstumslokomotive?), der Fischerei und der Manufaktur. Unweit des Projektgebiets verläuft der Fluss Tambo, der im Pazifik mündet. An den Ufern des Flusses wird seit vorinkaischer Zeit Landwirtschaft betrieben. Der Tambo ist auch wegen seiner begehrten Flusskrebse bekannt. In unmittelbarer Nähe zur Mündung befindet sich das Naturschutzgebiet von „Lagunas de Mejía“, das sich auf über 640 Hektar erstreckt und 140 Vogelarten beherberget.

Entwicklung des Konflikts

Im November 2013 legte Southern Peru Copper eine zweite Umweltstudie vor, welche neun Monate später, im August 2014, vom Bergbauministerium bewilligt wurde. Die von der Firma Geoservice Ingeniería erstellte Auftragsarbeit umfasst 35 Bände und wurde in einer Rekordzeit genehmigt, während für die Revision der ersten Studie noch 21 Monate benötigt worden waren. Das Bergbauministerium stellt das Material allerdings weder der Öffentlichkeit noch Dritten, etwa dem Unops, zur Verfügung, auch nicht eine Zusammenfassung davon. Die Landwirte am Tambo-Fluss, die künftigen Direktbetroffenen von Tía María riefen am 23. März zum Generalstreik auf, weil sie ihre Interessen nicht berücksichtigt sahen. Die Regierung setzte zunächst 2.000 Polizisten und dann 1.000 Soldaten in dem Gebiet ein, womit die Situation noch eskalierte. Das Ergebnis der Zuspitzung sind vier Tote und Dutzende von Verletzten sowie das Ausrufen des Ausnahmezustands in der Provinz Islay.

Was entzündete den Volkszorn?

Bei den Einwänden des Unops zum ersten Umweltgutachten ging es primär um die Wasserversorgung für das Kupfervorhaben und um die Überwachung der erlaubten Ausstoßwerte. Die zweite Umweltstudie sieht zur Wasserversorgung eine Meerwasser-Entsalzungsanlage vor, hierzu wurde aber keine Durchführbarkeitsstudie vorgelegt. Auf lediglich zehn Seiten wird diese Thematik abgehandelt. Außerdem ist der vorgesehene Überwachungsstandort weit entfernt vom ersten Kupfervorkommen „La Tapada“, womit die gemessenen Ausstoßwerte verfälscht werden könnten. Ferner wird in der Studie mit keinem Wort die Gewinnung des auch in den Lagerstätten vorkommenden Goldes erwähnt, welches üblicherweise den Einsatz einer Cyanidlauge erfordert und daher Umweltschäden verursacht.

Die Akteure in dem Konflikt

Welche Parteien stoßen in dem Konflikt aufeinander? Da sind zum einen auf lokaler Ebene die sogenannte Verteidigungsfront des Tambo-Tals, dessen Vorsitzender wegen versuchter Erpressung des Bergbauunternehmens im Gefängnis sitzt, und die Bürgermeister der betroffenen Distrikte, die mehrheitlich gegen die Bergbauaktivitäten sind. Auf einer anderen Ebene haben wir die Regionalregierung und die Bürgermeister der anderen Provinzen der Region Arequipas. Auch unter ihnen überwiegt eine ablehnende Haltung zum Projekt Tía María. Die Nationalregierung hingegen hat klar Stellung für das Projekt bezogen und kündigt zur Durchsetzung sogar Gewalt an.

Die Auseinandersetzung entwickelt sich zu einem bedeutenden Thema im Vorfeld der 2016 anstehenden Parlaments- und Präsidentschaftswahlen. Die Nationale Vereinigung für Bergbau, Erdöl und Energie (SNMPE) sowie der Unternehmerverband Confiep sind eindeutig für die Durchführung des Bergbauprojektes und haben bei der Regierung durchgesetzt, zum Zweck der Investitionserleichterung Umweltauflagen zu lockern (siehe auch "Umweltlage Perus" in Was können wir von COP20 in Lima erwarten?). Der Hauptbeteiligte, die Southern Peru Copper Corporation, hat es seit dem letzten Konflikt 2011 versäumt, die Bevölkerung für das Vorhaben zu gewinnen sowie einen Fonds aufzulegen, um die Landwirte bei Auftauchen von Problemen zu entschädigen.

Auswege aus der Krise

Momentan befindet sich das Gebiet im Ausnahmezustand, und das Projekt ist für 60 Tage suspendiert. Eine gewisse Ruhe scheint vor Ort zurückgekehrt zu sein. Es herrscht aber weiterhin Misstrauen gegenüber der Zentralregierung und der Minengesellschaft. Eine Lösung könnte darin bestehen, die verschiedenen Interessengruppen an einem Tisch zu holen und einen neutralen Vermittler zu bestellen. Damit ein echter Dialog zustande kommen kann, müssten die Versuche der Befürworter, Projektgegner als „antimineros“, Terroristen, Entwicklungsgegner oder Gewalttäter zu stigmatisieren, enden. Die Bevölkerung muss einbezogen werden und ihre Ängste müssen ernst genommen werden. Notwendig ist es, technisch auf die Umweltauswirkungen des Bergbauvorhabens zu achten und für ein Gleichgewicht zwischen Landwirtschaft und Bergbau im Sinne der nachhaltigen Entwicklung zu sorgen. Sollte dies nicht geschehen, könnten auch andere Bergbauvorhaben in Peru zu Konfliktherden wie Tía María und Conga werden.

Quellen: El Comercio, Semana económica, La República, Ideele, El Buho, La Mula, Convoca

Über den Autor

Gerardo Basurco

Gerardo Basurco

Er betätigt sich als Berater und Projektleiter in der Privatwirtschaft und ist Dozent in Entwicklungspolitik und Landeskunde Lateinamerikas für die AIZ/GIZ. Zudem verfügt er über langjährige Erfahrung in der Kooperation zwischen Deutschland und Lateinamerika.
Bei Peru-Vision ist er zuständig für den Bereich Wirtschaft und Politik sowie Consulting.

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